Foto: Michael Feuersenger

20. Mai 2022

“Darf nicht Normalfall werden”. Caritas-Symposium zum assistierten Suizid in Münster.

Caritas: Keine Freigabe für jede Lebensphase/Im Gespräch bleiben und neue Perspektiven aufzeigen/Depressionen behandelbar

 

Münster (cpm). Wohin eine liberale Gesetzgebung führen kann, die das Recht auf assistierte Selbsttötung ohne Altersbeschränkung einräumt, zeigt das Beispiel Belgien. Die Fälle sind stark angestiegen bis auf 2,4 Prozent aller Sterbefälle in 2021. Diese Tendenz befürchtet die Caritas in der Diözese Münster für Deutschland, wenn der Gesetzgeber die vom Bundesverfassungsgericht gemachten Vorgaben wie geplant bis Herbst diesen Jahres umsetzt. “Wir wollen nicht, dass der assistierte Suizid zum Normalfall wird”, erklärte der Vorsitzende des Diözesancaritasverbandes Münster, Dr. Christian Schmitt, am Donnerstagmorgen auf dem Symposium “Der eigene Tod als letzter Ausweg?” in Münster.

 

Sterbehilfevereinen könne man nicht den Zugang zu Einrichtungen der Caritas verwehren, aber selbst beim Suizid zu assistieren, schloss Schmitt für die katholischen Einrichtungen der Caritas aus. Auch werde man keine Räume dafür zur Verfügung stellen. Sorge bereite ihm, welche Auswirkungen dies auf die Atmosphäre in einem Altenheim habe, wenn es im Zimmer eines Bewohners trotzdem geschehe.

 

Alle Anstrengungen sollten stattdessen darauf ausgerichtet werden, den Menschen mit Todeswunsch eine Lebensperspektive aufzuzeigen und mit ihnen im Gespräch zu bleiben. Dass das durchaus gelingen kann, zeigte Prof. Dr. Judith Alferink, Chefärztin der Alexianer-Krankenhauses für Psychiatrie und Physiotherapie, anhand von Beispielen auf. Selbst Altersdepressionen seien gut behandelbar und “Psychotherapie in jedem Lebensalter wirksam.” Sorge bereite ihr die Zunahme der Mitgliedszahlen in Sterbehilfevereinen.

 

Auch wenn die Zahlen in jüngerem Alter im Vergleich gering sind, plädierte Alferink insbesondere für Suizidprävention in Schulen und eine Einschränkung des Zugangs zu Suizidmitteln. Die beste Maßnahme zur Reduzierung der Selbsttötungen seien in den vergangenen Jahren die kleineren Packungen von Paracetamol auf eine nicht tödliche Menge gewesen.

 

Dass es zudem einen Zugang zu einer auf Kinder und Jugendliche spezialisierten Schmerztherapie bedarf, konnte Prof. Dr. Boris Zernikow von der Vestischen Caritas Kinder- und Jugendklinik in Datteln nur unterstreichen. Er kritisierte vor allem den Ansatz des Urteils des Bundesverfassungsgerichts, dass assistierter Suizid in jeder Lebensphase möglich sein muss. Eine Regelung für Kinder und Jugendliche hielt Zernikow auch angesichts der belgischen Zahlen für schlicht überflüssig. Dort habe es im vergangenen Jahr nur einen Fall eines unter 18-Jährigen gegeben.

 

Zudem müssten dann unterschiedliche Regelungen für verschiedene Altersstufen angepasst an die geistige Entwicklung gefunden werden. Selbst dann ständen sie in Konflikt mit anderen gesetzlichen Regelungen wie dem Sorgerecht, das zum Beispiel die Einwilligung zu einer Sterilisation auch der Eltern unter 18 ausschließe, einen assistierten Suizid dann erst recht. Offensichtlich hätten sich die Richter “nicht so wirklich Gedanken um die Implikationen ihres Urteils gemacht”, sagte Zernikow.

 

Der erste Schritt zu einer Suizidprävention bei Kindern ist für Boris Zernikow, die Gesellschaft kinderfreundlicher zu gestalten. Derzeit gehe die Entwicklung in die andere Richtung, werde sie immer kinderfeindlicher. Gesellschaftliche Strömungen sind auch zum Ende des Lebens ursächlich für die wachsenden Wünsche zur Selbsttötung: “Man muss selbst im Alter immer funktionieren, immer etwas leisten”, kritisierte Judith Alferink. Das erzeuge ein Gefühl der Wertlosigkeit, wenn die Kräfte zunehmend nachließen.

 

Bei vielen Rednern des Symposiums und in der Diskussion wurde angemahnt, statt über assistierten Suizid besser über das “Sterben zulassen” zu sprechen. Zudem sei es unbedingt notwendig, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Aus der Praxis forderte der Palliativbeauftragte der Caritas Borken, Andreas Gerdes, eine Haltung zu entwickeln für die Dienste und Einrichtungen, an denen sie sich orientieren können. Derzeit gebe es weit mehr Fragen als Antworten. Der Vorsitzende des Diözesancaritasverbandes sieht das zweitägige Symposium mit 150 Teilnehmenden deshalb auch nur als “ersten Aufschlag”, so Christian Schmitt.

 

Informationen zum Programm und den beteiligten Personen finden sich auf der Veranstaltungsseite www.lebensende-symposium.de.

 

Harald Westbeld –  19. Mai 2022