Palliativnetz Emsdetten

3. Juni 2022

Wenn jemand sterben will: Fachtagung des Palliativnetzes Emsdetten

Greven, 3.6.2022 “Ich kann nicht auf die Würde eines Sterbewilligen einfach so den Deckel draufmachen, Wie ich mit einem solchen Wunsch umgehe, dass muss ich moralisch mit mir ausmachen.” Diese Aussage einer Pflegefachkraft fasste am Mittwoch bei der Fachtagung des Palliativnetzes Greven-Emsdetten-Saerbeck das breite Spektrum von Fragen, Positionierungen, Problemaufwürfen und auch Unsicherheiten zusammen. Die Stimme aus der Praxis des Dienstes an kranken und alten Menschen.

 

“Der Wunsch nach assistiertem Suizid in der Palliativversorgung” war der Titel der Veranstaltung. Mehr als 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus den Bereichen Pflege und Medizin aus dem Kreis Steinfurt waren dazu in die Josefskirche nach Greven gekommen. Sie beschäftigten sich mit Herausforderungen eines Themas, das ganz aktuell hohe Wellen in der politischen, fachlichen und ethischen Diskussion schlägt.

 

Diese Wellen beleuchtete Dr. Boris, theologischer Referent für den Diözesan-Caritasverband und Geschäftsführer des Ethikforums im Bistum Münster, in einem sachlichen Referat und mit einer sauber getrennten, abwägenden christlichen Positionierung.

Der Auslöser der Debatte ist das mehr als zwei Jahre alte Urteil, mit dem das Bundesverfassungsgericht das damalige Verbot der geschäftsmäßigen Sterbehilfe für verfassungswidrig erklärte. Oder andersherum: das Recht auf selbstbestimmtes Sterben und die Inanspruchnahme von Hilfe dabei feststellte. Wie ein rechtlicher Rahmen dafür aussehen könnte, darüber gab es Mitte Mai zum zweiten Mal eine Orientierungsdebatte im Bundestag. 

 

346 Suizidassistenzen im Jahr 2021 in Deutschland, gegenüber einer Gesamtzahl von 9041 Selbsttötungen, referierte Dr. Boris Krause die Statistik. Diese letzte Wahl träfen zum größten Teil Ältere, Männer wie Frauen. In der Gesetzesdebatte gehe es letztlich darum, die Aspekte Lebensqualität und -schutz, Fürsorge und Selbststimmung abzuwägen, sagt Dr. Boris Krause. Beratungspflicht und Fristen, gleichzeitige Förderung der Suizidprävention und Altersgrenzen, keine Verpflichtung zur Suizidhilfe für Pflege und Medizin, das seien Punkte in der Diskussion.

 

Für den Deutschen Caritasverband seien seine Dienste “Schutzräume für das Leben”, benannte Krause die Position seines katholischen Verbands. Er sagte aber auch, es “gibt Situationen, da will ich schweigen, da ist mehr Seelsorge als Moral gefragt”. Die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin verstünde sich als “Teil der Suizidprävention”.

 

Als “höchst problematische Schieflage” ordnete Krause den Befund einer Pflegefachkraft ein, dass die Möglichkeit der Sterbehilfe auf einen akuten Pflegenotstand treffe. “Der Druck von außen, der nicht sein darf, wird aber gesellschaftlich durch fehlende Ausstattung der Pflege produziert”, stellte Ansgar Kaul, Fachbereichsleiter beim Caritasverband Emsdetten-Greven als Koordinationsstelle des Palliativnetzes, fest. “Der assistierte Suizid kann niemals eine billige Alternative zur Pflege sein” sagte er.

 

Mehr Palliativqualifikation, bessere Verordnungsmöglichkeiten für Ärzte etwa in Altenheimen, verstärkte Förderung des Hospizwesens, das Individuum im Zentrum, auch fundamentaler Respekt für das Leben und die Freiheit als Gottesgeschenke, das waren einige Wünsche von Teilnehmenden der Tagung.

 

Die verbleibende Unsicherheit bei Fachkräften, Betroffenen und Angehörigen könne man nur verringern, indem man auf die richtige Weise miteinander spreche, befand Ansgar Kaul am Ende. Womit er wieder beim moralischen Ausmachen war, vom dem die Pflegefachkraft anfangs sprach, und das in der Fachtagung eine gute Bühne fand.

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