Bild: Boris Krause

27. November 2020

Von-Schirach-Film »Gott«: Kommentar von Caritas-Vorsitzendem Dr. Christian Schmitt

»Gott« könnte auch ein anderer sein als der von von Schirach

 

Von Schirachs „Gott“ ist uns als verstörendes Theaterstück am Montagabend (23.11.2020) im Ersten Deutschen Fernsehen zur besten Sendezeit vorgeführt worden. Herr Gärtner, ein 78-jähriger lebensmüder Mann, will sich töten, weil er seine geliebte Frau drei Jahre zuvor verloren hatte. Er wirkt sympathisch und vernünftig. Sein Anwalt, der sich für sein Recht auf Selbsttötung einsetzt, ist gebildet, verständnisvoll und argumentativ stark. Die Anwälte des Lebens, ein Bischof und ein Ärzteschaftsvertreter, fühlen sich nicht hinein in die Situation des armen Herrn Gärtner, vertreten nicht seine sondern nur die (Wahrheits-) Interessen ihrer Organisationen und kommen entsprechend unsympathisch rüber. Die Karten in von Schirachs Stück sind klar verteilt. Die das Leben schützen wollen, sind unsympathisch und ein wenig dümmlich, die Anwälte des Todes sind die Guten, die Sympathischen, die rechtlich und argumentativ Gebildeten.


Man hätte das Stück auch anders konstruieren können. Wenn es ein 16-jähriges Mädchen gewesen wäre, das depressiv und mit Liebeskummer sich autonom hätte töten wollen, wäre uns der Zwiespalt deutlich geworden. Wahrscheinlich hätte das Publikum dann nicht mit 70 % der autonomen Selbsttötung zugestimmt. Wenn der Bischof mehr vom Mitgefühl mit dem Leiden des Lebens-müden her argumentiert hätte, von der Liebe zum Nächsten, so wie es in der Caritas gelebt wird. Wenn er diese Liebe Gottes vor allem auch spürbar gemacht hätte in seiner individuell einfühlsamen Zuwendung zu Herrn Gärtner. Wenn der Ärzteschaftsvertreter mehr gesprochen hätte von den zahlreichen Menschen, die nach einer schwierigen Phase wieder Geschmack am Leben gefunden haben. Wenn er vom Gewissen der Ärzte gesprochen hätte, die nicht bei einer Tötung mitwirken wollen, dann wäre er auch einer gewesen, der für die Autonomie der Menschen nämlich der Ärzte eingetreten wäre. Auch ein Arzt hat ein Gewissen und damit eine recht verstandene Autonomie, die zu respektieren ist. Die meisten Ärzte halten es für unvereinbar mit ihrem Gewissen und Berufsethos, ihren Patienten beim Suizid zu helfen. Sie waren angetreten, um dem Leben ihrer Patienten zu dienen. Man hätte auch sprechen können von den Traumatisierungen bei den Freunden und Angehörigen des Suizidenten. Das sind pro Suizid angeblich 6 Personen und damit in Deutschland bei 10.000 Suiziden geschätzte 60.000. Kein Mensch tötet sich so ganz alleine selbst, es gibt fast immer Freunde und Angehörige, die verbunden waren.


Wir sollten die vielen Berater zu Wort kommen lassen, die bei der Caritas und anderswo täglich Menschen helfen, den Wert ihres Lebens wieder zu entdecken. Die vielen, die versuchen Geschmack und Freude am Leben zu wecken, weil es so kostbar ist und Würde hat. Wieso will in von Schirachs „Gott“ niemand dem Leben des alten Herrn Gärtner helfen? Warum versucht niemand mit ihm Kostbares und Schönes in seinem Leben zu entdecken? Seine Enkel dürfen nicht mitreden. Die lieben ihn wahrscheinlich. Wieso konstruiert von Schirach sein Buch in dieser Hinsicht so gefühlskalt? Es gibt kein Mitgefühl für das Leben von Herrn Gärtner, nur Mitgefühl für seinen Todeswunsch nach dem Verlust seiner Frau und das bei ansonsten guter Gesundheit. Deshalb geht es in von Schirachs „Gott“ auch nicht um autonomes Sterben, sondern um autonomes (Selbst-)Töten. Autonom sterben will ich auch, aber ohne dabei einen Menschen zu töten. Sterben und Töten sind zwei verschiedene Dinge: Jeder, der getötet wird, stirbt, aber nicht jeder der stirbt, wurde getötet. Wer überflüssige lebensverlängernde und leidensvermehrende Behandlungen ablehnt, tötet sich nicht, sondern will nur in Würde sterben. Das darf jeder wollen. Auch jeder Christ, nach Prüfung seines Gewissens, das heißt: nach Prüfung seiner Beziehung zu Gott und zu anderen Menschen.


Auch wenn von Schirachs „Gott“ schief angelegt ist, es liegt viel Wahres in diesem Stück: Tatsächlich, es gibt keine Rechtspflicht zu leben in unserm Staat. Die Selbsttötung ist keine Straftat. Das Recht, sein Leben selbstbestimmt zu führen, ist Verfassungsgut und schließt auch das Recht auf Selbsttötung mit ein. So hat es das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) in seinem Urteil vom Februar 2020 verkündet. Der Schriftsteller und Philosoph Albert Camus konzipiert die Selbsttötung sogar als höchsten Ausdruck der Würde des Menschen. Das höchste Recht des Menschen, das seiner Würde entspricht, zeigt sich, indem er den Träger seiner Würde auslöscht? Wer sich das Leben nimmt, gibt sich den Tod. Hat denn niemand beim BVerfG bedacht, wie seltsam und selbstwidersprüchlich das ist? Wieso hat das BVerfG nicht eine Balance zwischen der Autonomie des Menschen und dem Schutz seines Lebens gesucht. Das Leben ist auch ein fundamentales Rechtsgut. Leben und Autonomie dürfen nicht als Widersprüche gegeneinander stehen bleiben, sondern müssen miteinander versöhnt werden. Die meisten Menschen, die sich das Leben nehmen wollen, sind schwer krank und/oder tief unglücklich. Sie brauchen lebendiges Mitgefühl und aktive Hilfe, nicht achselzuckenden Respekt vor ihrer scheinbaren Autonomie. Wer todunglücklich und depressiv ist, kann nicht frei und autonom handeln. Er ist in der Gefahr in einer schwierigen, aber vorübergehenden Krise sich das Leben zu nehmen. Er braucht dann Menschen, die ihm mit echter Caritas begegnen.


Die Antwort auf Lebensmüdigkeit kann nicht nur eine theoretische sein. Johannes Paul II hat einmal gesagt, nur wer die Liebe findet, findet den Sinn des Lebens. Ein Herr Gärtner braucht einen Menschen, der sich wirklich für ihn interessiert. Seine Frau ist tot. Seine Söhne scheinen sich nicht wirklich für ihn zu interessieren, jedenfalls bleiben sie beim Respekt vor seiner Autonomie stehen. Seine Enkel kommen nicht zu Wort, andere nicht an ihn heran. Gibt es denn wirklich niemanden, der will, dass Herr Gärtner lebe. „Ich will, dass Du lebst“, ist das Grundwort der Liebe. (Der Liebe Gottes übrigens, und hier gehört das Wort „Gott“ auch hin.) Wer liebt, bejaht einen Menschen. Er nimmt ihn an. Nur ein Mensch, der geliebt wird, erfährt wie schön und kostbar sein Leben ist. Der Philosoph Martin Buber schreibt, der Mensch wird am Du zum Ich. Erst in der Begegnung mit einem anderen Menschen spüre ich, wer ich bin, entwickle mein Ich und mein Selbstwertgefühl. Das ist nicht nur am Anfang des Lebens so. Nur der Mensch in Beziehung spürt den Wert seines Lebens und hat Freude daran.


Ich kenne einen Rechtsanwalt, der sich als Bevollmächtigter / Betreuer für das Leben seiner Mandantin eingesetzt hat. Sie kam nach dem Tod ihres Mannes „lebens-müde“ zu ihm. Einen anderen Menschen gab es in ihrem Leben nicht mehr. Sie war allein, ganz allein. Damals wollte sie sterben und der Anwalt sollte ihre möglichst effizient bei „einem geordneten Abgang“ helfen. Sie hat dann noch weitere 20 Jahre gelebt und ist mit Mitte 90 gestorben. Dieser Anwalt hat viel mehr getan, als nur ihre Rechtspositionen zu vertreten. Er hat ihre Würde, ihre Autonomie respektiert und ihr gleichzeitig aufrichtige Anerkennung entgegengebracht vor ihrer Lebensleistung, vor ihrem Leben. Seine Achtung ihrer Autonomie war verbunden mit menschlicher Wärme und Mitgefühl. Die alte Dame konnte das annehmen, wofür er ihr sehr dankbar war. Sie fand wieder Geschmack am Leben. Ihr Anwalt hat ihren Todeswunsch respektiert, aber durch die Art der Zuwendung hat er ihren Lebenswunsch neu geweckt, so, dass sie wieder einen Sinn in ihrem Leben sah und ihre Würde wieder spürte. Diese Kombination brauchen wir in der Caritas: Respekt vor der Autonomie des Menschen, die respektiert Gott übrigens auch, und Einsatz für das Leben, den bringt Gott noch viel mehr. Vielleicht können wir davon lernen, wie wir antworten auf das „Gott“-Stück von von Schirach. Die Autonomie eines Menschen respektieren und ihm zeigen, dass das Leben lebenswert ist. Beides kann zusammen gehen. Tausende von Mitarbeitern der Caritas tun dies. Täglich! Und das tun sie wirklich im Namen Gottes, der Liebe ist. Auch wenn dies normalerweise keiner ausspricht.


Es geht immer um Beziehung bei der Caritas. Nur so sind wir gut. Die Qualität der Beziehung entscheidet über die Qualität unserer Arbeit als Caritas. Die fachliche gute Leistung gibt es auch anderswo. Bei uns gehört immer die Wertschätzung des Lebens dazu (sollte jedenfalls dazugehören). Lebenslust und -freude hängen immer von der Beziehungsqualität ab, in der jemand gelebt hat und aktuell lebt. Wer des Lebens müde wird, braucht Zuwendung gepaart mit Respekt vor seiner Autonomie. Dann dürfen wir hoffen, dass Freude und Lust auf Leben sich durchsetzen werden.


Pfr. Dr. Christian Schmitt, Vorsitzender, Caritasverband für die Diözese Münster e.V.


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